0251 Eichendorff-Gelände:
Entwicklung eines neuen Wohnquartiers


Ort
Kassel
Planung / Realisierung
2017
Leistungsphasen
Wettbewerb
Bauherr
GWG - Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft mbH
Größe
--
Bausumme
--
Architekt
Muck Petzet Architekten
Team
Muck Petzet, Erik Jurisevič


Bestand und Identität / Energie und Nachhaltigkeit / Bezahlbarkeit und Wirtschaftsmodell

Wir sehen in der Auslobung mehrere fundamentale Widersprüche:

- Für den Bau des Eichendorff Quartiers soll das Gebäude der ehemaligen Schule abgebrochen werden: eine kaum 40 Jahre alte, gut erhaltene und robuste, vielfältig umnutzbare und großzügige Stahlbetonstruktur.
- Die Historie des Areals soll einerseits ausradiert werden – andererseits soll das neue Quartier eine besondere Identität vermitteln.
- Durch den Abbruch der Gebäude wird eine erhebliche Menge gebundene 'graue'-Energie freigesetzt, gleichzeitig soll das neue Quartier energieeffizient und ökologisch vorbildlich sein. Die auf dem Abbruchgelände neu errichteten Gebäude tragen aber bereits einen 'großen Rucksack' an verschwendeter Energie mit in ihren Lebenszyklus.
- Das neue Quartier soll flexible, unkonventionell offene Grundriss- und Haustypologien bieten. Gleichzeitig sollen 60 % der Wohnfläche in einem 'Bauträgermodell' entwickelt werden, in dem erfahrungsgemäß eher konventionelle Typologien entstehen.
- Die neue Wohnfläche soll bezahlbar und auch finanziell barrierefrei zugänglich sein. Dabei werden mit dem Abbruch des Vorhandenen finanzielle Ressourcen vernichtet, und mit dem Bauträgermodell Margen erzeugt, die das Endprodukt verteuern.

Unser Projekt löst diese programmatischen, energetischen, sozialen und finanziellen Widersprüche so weit wie möglich auf:

Die Baugemeinschaft 'Eichendorff'

Wir schlagen vor die Schule stehen zu lassen und die Struktur weitgehend auf den Rohbau zurückzuführen. Diese Entkernungsmaßnahmen sind Sowiesokosten, die restlichen Abbruch-, Entsorgungs- und die Rohbaukosten für eine neue Struktur entfallen.

Die graue Energie des Bestandes wird weitergenutzt, ein großer Teil der Energie für Materialgewinnung, Herstellung und Transport neuer Bauteile wird vermieden.

Gleichzeitig könnte in der bestehenden Struktur wirklich bezahlbarer, innovativer und flexibel nutzbarer Lebensraum für eine neue, große Hausgemeinschaft entstehen. Wir schlagen statt dem 'Bauträgermodell' ein 'Baugemeinschaftsmodell' vor, das von Anfang an die Gemeinschaft der unterschiedlichen Bewohner fördert, und das – wie etwa die Züricher 'Kalkbreite' –, nach eigenen Gesetzen funktionieren, und sich selbst verwalten kann. Durch die Nutzung des Bestandes sind andere Wirtschaftsmodelle denkbar, wie 'Ausbau-Wohnungen' (zum Selbstausbau) oder der graduelle Ausbau über einen längeren Zeitraum – und mit unterschiedlichen Standards für unterschiedliche Lebens-Situationen. Die finanzielle und räumliche 'Barrierefreiheit' – und die hohe Lebensqualität begünstigen eine inklusive Mischung unterschiedlicher Bewohnertypen.

Gleichzeitig bietet dieses auf Gemeinschaft basierende Wohnmodell in seinem Inneren die gewünschte soziale 'Mitte', übergeordnete Nutzungen und zahlreiche Anknüpfungspunkte für Begegnungen und eine nachbarschaftlich ausstrahlende Gemeinschaftsbildung.

Wir stellen uns eine wirklich innovative, auf Gemeinschaft und Sharing ausgerichtete Baugemeinschaft vor, die Wohnen, Arbeiten und gemeinschaftliches Engagement verbindet. Die großzügige Freiraumversorgung ermöglicht wohnungsnahen Gemüseanbau, den Verkauf und das gastronomische Angebot eigener Produkte. Die großzügigen Freiräume innerhalb der Struktur ermöglichen es eine Kita, im Sinne einer integrierten Lebensschule, inmitten der Wohnnutzung zu betreiben. Den relativ kleinen 'Individualeinheiten' steht fast dieselbe m2-Anzahl an Gemeinschaftsflächen gegenüber.

Innerhalb der weitspannenden Betonstruktur können flexibel kleine Einheiten abgetrennt – oder zusammengeschaltet werden. Auch innerhalb der Einheiten sind ganz unterschiedliche Wohnmodelle realisierbar. Die großzügigen, zusammenhängenden Erschließungsbereiche sind mit Lichthöfen und Sonderfunktionen belebt – und ermöglichen mit nur einem Aufzug – eine komplett barrierefreie Erschließung sämtlicher Wohneinheiten.

Durch die Weiterverwendung des Vorhandenen entsteht Kontinuität mit der Geschichte des Eichendorff-Geländes und eine ganz spezielle Identität. Die Sperrigkeit des Bestandes führt zu unkonventionellen und großzügigen Lösungen, die bei einem Neubau gar nicht leistbar wären. So sind z. B. die Decken mit ca. 3,70 m ungewöhnlich hoch – und bieten sogar die Möglichkeit einer Nutzung in der Höhe für Hochbetten, Stauraum etc.

Durch die Nutzung der Vorhandenen, auf die Mitte des Grundstücks konzentrierten Baumasse, kann 100 % des Baumbestands erhalten – vorhandene Infrastruktur und Erschließung kann einfach weitergenutzt werden. Die vorhandenen Sonderbauten und Pavillons bieten Potential für Aneignung und weitere Gemeinschaftsnutzung. Wege, Straßen und Parkplätze können weitgehend weitergenutzt werden.

Die Parkierung ist über die vorhandenen Parkplätze nachweisbar. Die Baugemeinschaft wird im Sinne des Sharing-Gedankens auch Verkehrsmittel teilen. Ein kleiner Teil der Ersparnisse aus der Weiternutzung des Bestandes kann in ein intelligentes Buchungssystem von Verkehrsmitteln und Infrastruktur (z. B. Werkzeuge, Haushaltsmaschinen etc.) investiert werden.

Städtebau

In der vorhandenen, sehr heterogenen Umgebung, fügt sich unser Vorschlag großmaßstäblicher und an einem einheitlichen Richtungsraster orientierter Baukörper gut ein. Hier kann ein sehr naturnahes Quartier entstehen, in dem – im besten Sinne der Fortführung 'moderner' Ideale – eine direkte Verbindung von Architektur und Natur, von Städtebau und Landschaft besteht. Wir schlagen ganz bewusst eine starke Konzentration von Baumassen vor, um möglichst viel Naturraum zu erhalten. Die 8-Geschoßigkeit des Mietshaus-Typus halten wir an dieser Stelle für absolut verträglich. Die Ausrichtung diagonal zu den Himmelsrichtungen ermöglicht es reine Nordbelichtungen durchgehend zu vermeiden.

Weitere Typologien

Neben der Baugemeinschaft in der ehemaligen Schule schlagen wir einen robusten und bewährten Typus des Punkthauses vor: orientiert am 'Hiphouse' der Kollegen Atelier Kempe Thill, Rotterdam. Ganz im Sinne des derzeit diskutierten und propagierten 'seriellen' Bauens schlagen wir ganz bewusst vor, die Kollegen mit einer Weiterentwicklung dieses bereits bewährten 'Typenbaus' zu beauftragen. Dieses Haus ist für den konventionellen Mietwohnungsbau mit unterschiedlichen Wohnungstypen ebenfalls auf Integration unterschiedlicher Bewohner ausgelegt. Die Parkierung kann unseres Erachtens – ohne jegliche Änderung – an der bestehenden Straße erfolgen. Zusätzlich ist eine TG unter dem Haus realisierbar.

Als weiteren ergänzenden Typus schlagen wir eine lange Reihenhauszeile, mit schmalen, ultrakompakten, 3-geschoßigen Häusern vor. Die Parkierung kann direkt auf den eigenen Grundstücken vor den Häusern erfolgen.

Die Umnutzung des Schulgebäudes kann abschnittsweise – sollte aber sinnvoller Weise in einem Zug erfolgen. Die vorgeschlagenen Aufstockungen in Holz-Leichtbauweise könnten auch später umgesetzt werden. Das Mietshaus und die Reihenhäuser können, völlig unabhängig von der Baugemeinschaft, realisiert werden.

Infrastruktur / Versorgung / Nachhaltigkeit

Mit dem Anschluss an die Fernwärme ist wohl die günstigste und gleichzeitig nachhaltigste Energieversorgung gegeben. Vorhandene Leitungen können weitergenutzt werden. Mit den eingesparten Finanzmitteln durch die Weiternutzung von Vorhandenem kann, z. B. in Spanien eine Solaranlage errichtet werden, welche erheblich effizienter ist, als eine vor Ort errichtete. So kann 'eigenerzeugter' Strom aus regenerativen Quellen bezogen werden. Die wohnungsnahe Erzeugung von Lebensmitteln in den Gärten führt – ebenso wie die Sharing-Modelle – zu einer weiteren starken Reduktion des CO2-Fußabdrucks der Bewohner des neuen Quartiers.

Freiraum

Der Baumbestand bleibt fast zu 100 % bestehen, es entsteht nur eine geringe Neuversiegelung durch die beiden Neubaukörper. Die bestehenden Wegebeziehungen bleiben erhalten. Die Terrassenanlagen vor der Schule und der Parkplatz können als Marktplatz genutzt werden. Die Freiflächen sollen durch private, direkt zugeordnete und buchbare Beete und Nutzgärten – etwa im Sinne des Prinzessinnengartens in Berlin – nutzbar gemacht werden. Die bestehenden Pavillons im Norden können als Gartenrestaurant im Sommer genutzt werden und die Anbindung an den Fluss verstärken.

Wir denken, dass dieses Eichendorff-Quartier den Beifall des Natur-Romantikers Eichendorff finden würde – gleichzeitig könnte so ein wirklich zukunftsweisendes und nachhaltiges Modell-Quartier entstehen – auch ganz im Sinne der 'Documenta Urbana'.





Impressum:

Muck Petzet Architekten

Architekt BDA Dipl.-Ing. Muck Petzet
Landwehrstrasse 37
D - 80336 München
E-Mail: sekretariat(at)muck-petzet.com

Der Architekt Muck Petzet ist Mitglied
der Bayerischen Architektenkammer,
Waisenhausstraße 4, 80637 München
Mitgliedsnummern: 172838. Hinweise
zum bayerischen Architektengesetz und
der Berufsordnung sind einsehbar unter
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