0231 Wohngemeinschaftshäuser
Der geringstmögliche Eingriff: minimal-invasive Modernisierung der Häuser 24/25/26/27 mit 351 Wohneinheiten im Studentendorf Schlachtensee


Ort
Studentendorf Schlachtensee
Häuser 24/25/26/27, Wasgenstr. 75, 14129 Berlin
Planung / Realisierung
2017-2018/ 2019-2020
Leistungsphasen
LPH 1-8
Bauherr
Studentendorf Schlachtensee eG
Größe
11.073 qm BGF
Bausumme
--
Architekt
Muck Petzet Architekten
Team
Muck Petzet, Julia Modlinska, Yifan Zhang, Korbinian Luderböck
Laura Dittmar, Sophie Kalwa, Ferdinand Knecht, Callum Mc Gregor, Eugenio Thiella
LPH 6-8
apaprojects.architekten, Lutz Arnold, Ulrich Grabsch
Tragwerk
CRP Bauingenieure GmbH
TGA/HLSE
Team für Technik GmbH
Brandschutz
CRP Bauingenieure GmbH
Außenanlagen
Freier Garten- und Landschaftsarchitekt, Uwe Neumann


Die Wohngemeinschaftshäuser im Studentendorf Schlachtensee Berlin wurden Mitte der 70er Jahre von den Architekten Kraemer, Pfennig und Sieverts (KPS) entworfen. Die 5-geschoßigen Hausgruppen aus unterschiedlich addierten Typenhäusern sind typische Beispiele einer von Serialität begeisterten, bescheidenen Architektur der Spätmoderne. Sie wurden als Erweiterungsbauten des Studentendorfs Schlachtensee realisiert. Die zwei Hausgruppen waren im unrenovierten ‚Originalzustand‘.

Die Wohngemeinschaftshäuser mit 351 Wohneinheiten stellen für die Studentengenossenschaft, der Trägerin des Studentendorfs Schlachtensee, eine wesentliche finanzielle Grundlage der Gesamtanlage dar. Diese mittlerweile denkmalgeschützte Anlage aus den 1950er Jahren von Fehling, Gogel und Pfankuch wurde in den letzten Jahren teilweise aufwändig modernisiert. Die Wohngemeinschaftshäuser mit ihren graugrün-fleckigen, simplen Loch-Fassaden wurden in diesem hochkarätigen Ensemble der Moderne als optischer Störfaktor wahrgenommen. Sie sollten ‚aufgewertet‘ aber vor allem in einem sehr knappen Budget und Zeitrahmen modernisiert werden. Die Hausgruppen durften jeweils nur für eine Semester-Saison ausfallen. D.h. die Gebäude mussten im Inneren in nur 6 Monaten komplett modernisiert werden. Die Suche nach dem minimalsten Eingriff war hier also ‚überlebenswichtig‘ für das Projekt: Nachdem zunächst auch Erweiterungen, Aufstockungen oder eine Nutzung der Dachflächen diskutiert wurden – kristallisierte sich ein immer strikter am notwendigen orientierten Konzept heraus, das die Essenz der Wohngemeinschaftshäuser bewahren und gleichzeitig für neue Generationen nutzbar machen sollte. Eine Analyse der Struktur dieser ‚organischen‘ Zellenstrukturen, die konsequent am Ideal von ‚Wohngemeinschaften‘ orientiert waren, die auf jedem Geschoß unterschiedlich geteilt und zusammengelegt werden konnten ergab, dass die ursprünglich als ‚verschiebbare‘ Wände konzipierten Gemeinschaftstrennungen in den 45 Jahren ihrer Existenz niemals ihren ursprünglichen Einbauort verlassen hatten. Die gemeinsamen Sanitärbereiche und Gemeinschaftsküchen dienten und dienen nun auch in Zukunft Wohngemeinschaften von jeweils sechs Bewohnern. Eine Untersuchung aller Bauteile, der Fassaden, Fenster, Oberflächen, Türen, Einbaumöbel, der Elektrik, Heizung und der Sanitäreinrichtungen folgte. Jede Maßnahme wurde einer strengen Kosten-Nutzen-Analyse unterzogen – wobei dem räumlich architektonischen Nutzen ein hoher Stellenwert eingeräumt wurde.

Zunächst war erstaunlich wie gut die Gebäude ihr Alter von 45 Jahren überstanden hatten – sie sind ein Beweis, dass die landläufigen Annahmen zu Lebenszyklen schlicht falsch sind: Nicht nur dass die Gebäude Ihren ‚Normlebenszyklus‘ von 60 Jahren – nach der Modernisierung hoffentlich weit überschreiten werden – auch die angebliche Lebensdauer von max. 25 Jahren für die Gebäudetechnik wurde um 100% überschritten. Dennoch waren unsere Versuche zumindest Teile der TGA – etwa das Heiz- oder das Abwassersystem – weiterzunutzen nicht von Erfolg gekrönt. Der komplette Ersatz der Haustechnik und der Aufzugsanlagen hatte eine gewisse Eingriffstiefe zur Folge. Die Gemeinschafts-Bäder wurden komplett neu ausgelegt und ermöglichen nun – auf kleinstem Raum die gleichzeitige und ungestörte Nutzbarkeit. Dabei konnte durch die Erschließung lediglich über die Bestandstüröffnungen ein erheblicher Kosten- und Zeitvorteil erzielt werden. Statt alte Bauteile durch neue zu ersetzen wurden z.B. die akustischen Werte der Innentüren untersucht und für ausreichend befunden. Auch das bestehende Brandschutzkonzept konnte fortgeschrieben – und die vorhandenen Treppenhaustüren erhalten werden. Obwohl die Gebäude nicht denkmalgeschützt sind wendeten wir Methoden der Denkmalpflege an – wie etwa die Analyse der ursprünglichen Farbfassungen und Farbkonzepte, die wir in radikal aufgefrischter Form fortschreiben konnten. Auch die Möbel aus der Entstehungszeit wurden teilweise erhalten, nachgebaut und mit neuen Einbau-Möbeln ergänzt.
Eine besondere Herausforderung stellte die Außenwirkung der Gebäude dar. Zunächst war eine Erneuerung der Fassaden geplant. Eine sorgsame Analyse und bauphysikalische Berechnung zeigte aber, dass mit einer Erneuerung der Fenster sowie Dämmung der Dachfläche und der Kellerdecke ein den KfW Förderkriterien entsprechender energetischer Zustand erreicht werden konnte: Die Kollegen in den 1970er Jahren hatten – kurz nach der Ölkrise – mit einem Dämmputzsystem eine geringe, aber ausreichende Außendämmung realisiert. Der hochwertige Kratzputz konnte also erhalten werden, die neuen Fenster– in Originalfarben wurden sorgsam in die Bestandsöffnungen eingepasst. Auch die neuen großformatigen Schiebefenster der Gemeinschaftsräume wirken, als ob sie schon immer da gewesen wären. Der Putz wurde gereinigt und mit einem oliv-graugrünen Ton aufgefrischt. Die Gebäude sollen zusammen mit den Bäumen und Sträuchern eine Einheit bilden. Uns war dabei wichtig, dass die Gebäude nach wie vor als ‚Hintergrund‘ für die weiße Moderne der Häuser von Fehling, Gogel und Pfankuch wirken.

Die Häuser konnten - durch die mühsame aber letztlich erfolgreiche Suche nach dem geringstmöglichen Eingriff – in der vorgegebenen Zeit und im Budget realisiert werden. Mit Gesamtkosten von weniger als 50‘ EUR / Einheit liegt der Preis bei unter 50% eines vergleichbaren Neubaus (1.546 Euro Gesamtkosten KG 200-700/m2 BGF). Die Infragestellung von Standards, der möglichst weitgehende Erhalt von Bestandselementen, die akribische Detail- und Grundrissarbeit, die Fortschreibung der vorhandenen Gestaltung und das Ringen um die langlebigste, aber bezahlbarste Lösung waren die Garanten für diesen Erfolg.




Impressum:

Muck Petzet Architekten

Architekt BDA Dipl.-Ing. Muck Petzet
Landwehrstrasse 37
D - 80336 München
E-Mail: sekretariat(at)muck-petzet.com

Der Architekt Muck Petzet ist Mitglied
der Bayerischen Architektenkammer,
Waisenhausstraße 4, 80637 München
Mitgliedsnummern: 172838. Hinweise
zum bayerischen Architektengesetz und
der Berufsordnung sind einsehbar unter
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